Presse


Kulturgeschichtliche Kolumne für SZ- Holzkirchen

St. Benedikt am 21. März – Symbol eines geistigen Frühlings von Sixtus Lampl

Von Tag zu Tag muss die aufgeklärte Menschheit des Westens mit Schrecken eine religiöse Kraft des Islam zur Kenntnis nehmen, die man nicht für möglich gehalten hätte. Auch das Christentum hatte Phasen unglaublicher Stärke und Ausstrahlung, etwa in den Verfolgungen mit den unzählbaren Märtyrern, in der Bewegung eines Franz von Assisi oder in einem Heiligen, der einen Frühling der abendländischen Kultur heraufgeführt hat und dessen Fest daher auf den Frühlingsanfang gelegt wurde, Benedikt von Nursia.

Der gemeinsame christliche Nenner war aber im Gegensatz zum Islam Gewaltlosigkeit, eine radikale Abkehr von Eigennutz und Egozentrik, eine konsequente Hinwendung zu Gemeinsinn und Gemeinschaft. So „die Gemeinschaft der Heiligen“, die in den Todesarenen noch gemeinsame Loblieder sangen. So die eine Luxuswelt verachtende Schar der Franziskanischen Minderbrüder. So eine die spätantike Korruptionsgesellschaft überwindende Möncheskultur vom Montecassino. Altbayern wird gern eine „Terra benedictina“, eine benediktinisch geprägtes Land genannt. Der Titel einer vielbändigen Forschungsreihe zur deutschsprachigen Kulturgeschichte lautet „Germania benedictina“. Einer der letzten Päpste hat Benedikt zum „Patron Europas“ proklamiert. Bayern - Germanien – Europa als Grenzen? Nicht für benediktinische Wirksamkeit, wenn man sich von Cosmas Damian Asams Fresko in der Klosterkirche Weltenburg den Aufbruch der Mönche per Schiff in die Neue Welt erzählen lässt. Weltuniversal und dennoch konzentriert im bayerischen Oberland und in den europäischen Kernlanden, wie es die Barockfresken im nördlichen Seitenschiff des Benediktiner- Münsters Fischbachau künden. Es fällt auf, dass Gegenden, die schon in prähistorischer Zeit ob ihres günstigen Klimas und ihrer ertragreichen Böden besiedelt waren wie das untere Isartal oder der Straubinger Gäuboden, auf Benediktiner für ihre Klostergründungen kaum einen Reiz ausgeübt haben, wohl aber Gegenden, die wegen ihrer Unwirtlichkeit am Alpenrand oder im Bayer- und Böhmerwald eine Herausforderung zu Kolonisierungs- und Kulturarbeit waren. Die Dichte der Klostergründungen des 8. Jahrhunderts bei uns ist Beweis: Schlehdorf, Benediktbeuern, Tegernsee und Tölz, dessen späteres Franziskanerkloster auf tegernseeischem Grund errichtet wurde, Schliersee, der Petersberg über Flintsbach oder im 11. Jahrhundert noch Bayrischzell und Fischbachau. Der kulturgeschichtliche Erfolg dieser Klöster, nachhaltig bis in unsere Gegenwart etwa in Landschaftsgestaltung, in ausgeprägter volksmusikalischer Begabung oder in den barocken Einfirsthöfen, - neben den niedersächsischen wohl den schönsten in Deutschland -, beruht auf der weitherzigen Benediktus-Regel. Deren ausgewogene Mischung von körperlicher und geistiger Arbeit, von künstlerischer und wissenschaftlicher Betätigung, die auf dem Herzensstreben im Diesseits basiert, aber auf das Göttliche gerichtet ist, gipfelt in der prägnanten Kurzformel „Ora et labora – bete und arbeite“. Kein Übergewicht der Arbeit, wie man es heute als Stress kennt, aber auch kein Übergewicht des Spirituellen, das die Verbindung mit der Realität verloren hätte. Im 19. Kapitel seiner Regel nennt Benedikt den Grund für das den Schöpfer lobpreisende Singen: die Dankbarkeit, dass wir Menschen – wörtlich – als „Assistenten Gottes“ berufen sind, an seinem Schöpfungswerk mitzuarbeiten. Welch hohes Menschenbild! Benedikts Klöster wurden damit zu schöpferischen Urzellen der abendländischen Musik, der bildenden Kunst, der Literatur und der Wissenschaften, alles zu belegen etwa an der Geschichte des Klosters Tegernsee. Der Gedenktag des hl. Benedikt am 21. März, Anfang des Frühlings, ist Symboltag für ein neues Aufblühen Europas. Bildtext: Aus dem Freskenzyklus Melchior Puchers im Münster Fischbachau die Szene „Benediktiner als Forscher und Lehrer der Jugend“ (Aufn. S. Lampl)   ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------   Holzkirchner Merkur 07.04.2004

Ein weitgereistes Gemälde findet seine Endstation in Valley

Am Arnoufer in Florenz gemalt, 147 Jahre in Hamburg an der Elbe bewundert, in Regensburg an der Donau restauriert und nun in Valley an der Mangfall angekommen: das große Leinwand-Ölbild des Florentiner Kunstakademie- Professors Cesare Mussini wird die Orgel aus der Schröderschen Stiftskirche von Hamburg schmücken, die heuer in der Zollinger Halle wieder aufgebaut werden soll. Mussini gilt als ein hervorragender Historien- und Portraitmaler, von dem auch Werke in den berühmten Uffizien von Florenz ausgestellt sind. Das Bild mit dem Thema „Christus lädt die Mühseligen und Beladenen zu sich ein“ war vor kurzem schon einmal probehalber, teilrestauriert, in der Zollinger Halle zu sehen. Frau Baier von der Restaurierungswerkstätte Baier & Orthgiess in Regensburg hat mit ihren Mitarbeiterinnen leuchtendste Farben unter der Rußschicht hervorgeholt. Der Kunsttransport war von Herrn Orthgiess aus Regensburg selbst gesteuert worden. Bürgermeister Josef Huber ließ es sich nicht nehmen, bei der Ankunft des 403 x 237 cm großen und mit Rahmen 10 qm unfassenden Bildes dabei zu sein und beim Ausladen zu helfen: wird doch dieses Gemälde nicht nur das größte Leinwandbild innerhalb der Gemeinde Valley sein, in den Ausmaßen vergleichbar den Hochaltarbildern der Klosterkirchen Tegernsee und Weyarn, sondern in seiner Renaissance- Malart auch eines der nobelsten im Landkreis darstellen. Dr. Sixtus Lampl, dem die Verlagerung der Orgel von Hamburg nach Valley zu verdanken ist, vermutet, dass die Schrödersche Stiftskirchenorgel auch die einzige Orgel auf der Welt ist, deren Fassade in der Mitte von einem so großen Bild geschmückt wird. Die Pfeifen, welche hinter dem Bild und seitlich angeordnet waren, müssen freilich erst restauriert werden. Für die Kosten der Bild- und Orgelrestaurierung sucht der Förderverein verständlicher Weise noch Sponsoren. Wenn bis dahin finanzierbar, sollen Bild und Orgelwerk im Herbst 2004 der Öffentlichkeit vorgestellt werden.   ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------  

Kulturgeschichtliche Kolumne SZ für Karsamstag 10. April 2004

Der Auferstehungschristus einmal anders von Sixtus Lampl

Valley Das Oberland ist um ein großes Kunstwerk reicher: in dieser Woche kam ein von dem Florentiner Künstler Cesare Mussini gemaltes Bild aus der Regensburger Restaurierungswerkstätte Baier & Orthgiess in der Zollinger Halle beim Alten Schloss Valley an. Hier wird es künftig die Mitte einer Orgel zieren, die aus Hamburg zum Orgelmuseum übertragen wurde. Cavaliere Mussini war Professor an der Kunstakademie Florenz und seinerzeit als Portrait- und Historienmaler sehr geschätzt. Ein vermögender Handelsherr aus Hamburg, J.H. Schröder, bestellte bei ihm ein großes Gemälde für sein „Hospitium“, das er 1852 für die Armen und Kranken der Hansestadt gestiftet hatte. Das Gemälde sollte sich thematisch auf das Armen- und Krankenhospiz beziehen. So wählte man die Stelle Matthäus 11,25 „ Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken .“ 1855 wurde das Bild nach Hamburg geliefert und in der Kirche des Schröder-Stifts angebracht. Als 41 Jahre später (1896) Ernst Röver als einer der bedeutendsten norddeutschen Orgelbauer seiner Zeit den Auftrag zu einer neuen Orgel für die Schröder-Stiftskirche erhielt, sollte dieses Bild in die Mitte des Orgelgehäuses integriert werden. Diese Aufgabe löste Röver so genial, als wären Bild und Gehäuse gleichzeitig und in einem Guss geschaffen worden. Wahrscheinlich ist dies auch die einzige Orgel auf der Welt, deren Prospekt-Mitte von solch einem riesigen Gemälde gebildet wird. Das Bild misst 403 x 237 cm und umfasst mit seinem Rahmen nicht weniger als10 qm. Dennoch steuerte dieses wertvolle Ensemble in den letzten Jahrzehnten unaufhaltsam dem Verfall entgegen, da die Schröder- Stiftskirche seit 1972 dem Griechisch-orthodoxen Kultus als Gottesdienstraum überlassen wurde. Die orthodoxen Christen benützen keine Orgel in ihren Gottesdiensten. So wurde auch dieses Instrument nicht mehr benutzt, folglich auch nicht mehr gewartet oder gepflegt. Der Ventilationsmotor wurde sogar demontiert und entsorgt. Die somit unspielbare Orgel war fürderhin nur noch Kerzenruß-Fänger. Der Ruß trug so dick auf, dass das Gemälde fast unkenntlich wurde. Durch Übergabe an das Orgelzentrum Valley hoffte die Kulturverwaltung der Hansestadt den Niedergang des bedeutenden Instruments zu stoppen und ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Diese wurde mit der Restaurierung des Orgelgehäuses und des Bildes bereits eingeleitet. Für die Instandsetzung und Wiederaufstellung des inneren Orgelwerkes hofft der Förderverein Orgelmuseum e.V. noch auf Sponsoren. Art und Thema des Bildes hat Mussini der Malweise der Renaissance nachempfunden: zuvorderst gibt ein wundervoller kleiner Putto wie eine Proszeniums-Figur den Matthäus- Vers als Titel an. Darüber steht auf einem Sockel in leuchtend rotem Untergewand und dunkelblauem Umhang Christus in Überlebensgröße. Er breitet seine Arme über die seitlich angeordneten Menschengruppen aus, genau 12 an der Zahl. In die Szene führt links unten die Gestalt eines greisen Mannes ein, dessen Gewand in leuchtender Rotfarbe und dessen gebeugtes Hingesunken-Sein zur Gestalt Christi hinleiten. Über ihm ein Mann, fast ohne Gesicht, den grünen Kaftan beduinenartig mit einem Stoffring über dem Scheitel gehalten, die Arme flehentlich zu Christus ausgestreckt. Nochmals darüber, von Christus abgewendet - weil es ihn nicht sehen kann - ein blindes Mädchen, sich an die Schulter seiner ebenfalls noch jungen Mutter schmiegend, ein bildgewordener Inbegriff von menschlicher Zuneigung und schützender Liebe. In der rechten Bildhälfte zuvorderst eine kniende Frau, nonnengleich zu Christus betend. Hinter ihr mit violettem Gewand eine alte Frau, deren fast knöchernes, aber nicht verbittertes Profil ein hartes, entbehrungsreiches Leben spiegelt. Sie spricht darüber mit einem bärtigen Mann im besten Alter. Dieser könnte der Vater des Mädchens und Buben sein, die sich an den Mantelsaum ihrer Großmutter klammern, aber noch unbeschwert von den Bedrückungen des Lebens sind. Drei Disputanten kommen aus dem Hintergrund auf Christus zu. Dieser steht hochaufgerichtet in der Mittelachse des Bildes, unverkennbar die Hauptfigur, nicht unbekleidet und mit der Osterfahne, sondern gewandumwallt und seine Hände schutzmantelartig weit ausgebreitet, mit seinem feinsinnig gemalten, leicht geneigten Haupt als auferstandener Menschenfreund. Den gebeugten Greis richtet er auf; dem, der durch Bedrängnis seine Individualität, sein Gesicht, verloren hat, gibt er Befreiung der Seele, Blinde macht er sehend, Lahme macht er gehend, Verhärmte macht er fröhlich. Für alle ist dies ein Stück Auferstehung, heraus aus einem Gefängnisdunkel körperlicher oder geistiger Beklemmung in ein Licht, das im Hintergrund einer weiten Toscana-Landschaft aufleuchtet.

Nur ein selbst Auferstandener kann in anderen Auferstehung bewirken.


Artikel aus Zeitschriften:

Seeseiten, Ausgabe Nr. 11 Winter 2007/2008

Gescanntes Bild Nr. 1

Gescanntes Bild Nr. 2

Gescanntes Bild Nr. 3

Monumente Magazin für Denkmalkultur in Deutschland, ISSN 0941-7125 16. Jg, Nr. 11/12 Dezember 2006

Gescanntes Bild Nr. 1

Gescanntes Bild Nr. 2


Weiterführende Websites:

www.chrismon.de

www.orgel-information.de

www.gdo.de Internationale Gesellschaft der Orgelfreunde e.V.

   
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